Pater Gerhards Rundbriefe

im Advent 1988

Von drauß' vom Walde komm ich her.
Ich muß Euch sagen: Es weihnachtet sehr!

Allüberall auf den Tannenspitzen
sah ich goldene Lichtlein sitzen,
und droben aus dem Himmelstor
schaut' mit großen Augen das Christkind hervor.

Und wie ich so schritt durch den finsteren Tann,
da rief's mich mit heller Stimme an:
Nikolaus, rief es, du lieber Gesell'
hebe die Beine und spute dich schnell!

Bald schon flieg' ich hinab zur Erden,
denn es soll wieder Weihnachten werden.
Die Kerzen fangen zu brennen an.
Das Himmelstor ist aufgetan.

Alt' und Junge sollen nun
von der Last des Lebens einmal ruh'n.

Meine lieben Verwandten, Freunde und Bekannten,

mit jenen Versen aus des Dichters Feder kündigte uns in goldenen Kindertagen der Hl. Nikolaus das Kommen jener Zeit an, die wohl wie keine andere mit Emotionen und Stimmungen geladen ist, die ich hier in meinem missionarischen Arbeitsfeld so gar nicht finde, obwohl wir ja nun mitten drin sind. "Geweihnachtet" hat's bislang hier noch nicht, selbst wenn wir den Wald des Gedichtes mit dem Busch unserer Lebenswirklichkeit ersetzten und die Tannenspitzen mit Palmenblättern. Aber - keine Angst! - ich bin keiner von jenen Spielverderbern, die Euch die Freude an all dem madig machen wollen, was sie selber nicht haben. Trotzdem, denke ich, würden wir weder der wahren Größe des Hl. Nikolaus noch der Bedeutung der Adventszeit gerecht, wenn wir sie unter dem Zuckerguß niedlicher Kindleinschemen zu einem leblosen Schmalzgebäck erstarren ließen.

Advent, das heißt Ankunft Christi in dieser Welt, geschieht, wenn wir, wie es der Hl. Nikolaus tat, den Ruf Christi hören. Der Hl. Nikolaus schritt durch den finsteren Tann der Nöte seiner Mitmenschen in Myra. Dort vernahm er den Ruf Christi, "hob seine Beine und sputete sich", ihnen wirksam beizustehen. Die Legende berichtet von armen Mädchen, denen er zur Aussteuer verhilft, von Seeleuten, die er aus Seenot rettet, von unschuldig Gefangenen, die er aus dem Kerker befreit, von ermordeten Schülern, die er zum Leben erweckt.

Wo Menschen dem Ruf Christi folgen und sich sputen, den Notleidenden beizustehen, da wird wirklich Advent, da kommt Christus an, da wird wieder Weihnachten, da fängt das Licht Christi neu zu brennen an, da ist das Himmelstor weit aufgetan. In diesem Sinne "weihnachtet" es jetzt nicht nur bei Euch in Europa, sondern auch ganz gewaltig hier im Zululand.

Arme, denen nicht nur das Geld zur Aussteuer fehlt, auf den Wogen des harten Lebens Gestrandete, unschuldig Gefangene und Opfer von Gewalttaten gibt es hier genug. An uns allen liegt es, den Ruf des Christkindes in jenem finsteren Tann zu vernehmen und uns zu sputen, für jene Menschen Weihnachten werden zu lassen.

Ich schildere Euch das gerne an einem Beispiel, am Lebensschicksal einer hiesigen Zulufrau: Die kleine Zodwa teilte das Los, Kind geschiedener Eltern zu sein. Sie hatte keine besonders glückliche Kindheit, die sie im Kraal ihrer Großeltern verbrachte. Besonders nach dem Tod ihres Großvaters wurde sie nicht mehr als "liebe Last", sondern eben nur noch als Last empfunden, die man aber doch ziemlich auszunützen verstand. Als sie ins heiratsfähige Alter kam und die Liebe eines Mannes von Herzen erwiderte, kassierte ihr Onkel vom Verlobten zwar den Lobola, den Brautpreis, der in ihrem Fall aus acht Kühen und noch etwas Geld bestand. Statt aber für eine ordentliche Aussteuer zu sorgen und die zwei nach dem Stammesbrauch der Zulu zu verheiraten, kaufte er mit dem Lobola für sich ein Auto und überließ die zwei ihrem Schicksal. Da ist es dann auch nicht mehr verwunderlich, wenn die beiden vor der Eheschliessung bereits zwei Kindern das Leben schenkten. Schließlich schaltete sich dann doch der zuständige Häuptling ein und zwang den Onkel, die beiden zu verheiraten. Nach Zulusitte muß die Braut von Brautpreis für jedes Mitglied der Familie ihres zukünftigen Mannes - wohl mit dem Hintergrund, deren Zuneigung zu erwerben - ein angemessenes Geschenk machen, die dann zusammengenommen oft viele Kisten anfüllen. Zodwa wurde aber mit einer einzigen schäbigen Kiste von Geschenken weggeschickt, womit sie sich wenig Sympathie bei ihren neuen Verwandten erwerben konnte, noch dazu, da ihr Bräutigam von nun an von seiner Pflicht entbunden war, seine Verwandten mit Geld zu unterstützen. Weil sie keinen eigenen Kraal hatten, mußte Zodwa aber mit ihren beiden Kindern bei ihnen wohnen. Dieser Kraal liegt auf dem Farmgebiet eines weißen Großgrundbesitzers. Weil sie nun dort wohnte, verlangte dieser, sie müsse jetzt eben auch für ihn - ohne Lohn natürlich - Feldarbeit leisten. Weil sie sich wehrte, passierte es ihr eines Tages, daß jener weiße Farmer, als sie gerade im Fluß Wasser holte, mit dem Gewehr nachging und ihr "zur Warnung" durch den Eimer schoß, den sie auf ihrem Kopf trug. Ihren Kindern zeigte er mit der Peitsche, wer der Herr am Platze sei. Doch es sollte noch schlimmer kommen: Ihr Mann, der ihr bis dahin in ehelicher Liebe und Treue verbunden war, nahm eine Arbeit weit weg in Johannesburg an. Wie es eben so geht - "aus den Augen - aus dem Sinn" -, fand er, daß auch anderer Mütter Töchter schön und begehrenswert sind. Er nahm dort eine zweite Frau, vergaß auf seine erste Frau, besonders auch an den Tagen, wo er seinen Lohn bekam und seiner Unterhaltspflicht nachkommen sollte, ließ sie mit ihren mittlerweile vier Kindern allein, ohne jede Unterstützung. So machte sie sich eines Tages auf nach Johannesburg, um ihren Mann zu suchen, fand ihn auch, aber zu ihrer großen Bestürzung in den Armen einer anderen Frau. Daß sie von ihrem untreuen Mann nicht allzu freudig begrüßt wurde, könnt Ihr Euch ja vorstellen. Er gab ihr ein wenig Geld und schickte sie mit groben Worten wieder ins Elend zurück. Unter den gegebenen Umständen verschlechterte sich natürlich das Verhältnis zu den Verwandten ihres Mannes, bei denen sie ja wohnen mußte. Sie fand kein Verständnis und keinen Rückhalt. Schließlich gelang es ihr, einen Platz zugewiesen zu bekommen, der ihr zwar nicht gehörte, aber wo sie für sich wohnen konnte. Da sie ja kein Geld hatte, mußte sie mit eigenen Händen und jenen Baustoffen, welche die Natur lieferte, also mit Lehm und Bruchholz eine Hütte bauen. Es schien, als habe sich auch die Natur noch gegen sie verschworen, denn selbst der Blitz schlug dann zweimal in ihre Hütte ein. - Das Zululand ist eines der am meisten blitzgefährdeten Gebiete der Erde. - Aber damit nicht genug. Denn die Zulu schreiben solche Vorkommnisse immer einer Hexerei zu. So war sie dann zu all ihrem Unglück dazu auch noch von den Nachbarn gemieden. Schließlich gelang es ihr dann, eine kleine Lehmhütte mit Blechdach zu bauen, in der sie nun mit ihren vier Kindern haust. Aber woher die Nahrung nehmen, um sie zu ernähren? Nur einmal am Tag kann sie ihnen ein kärgliches Mahl bereiten. Daß wir da helfend eingreifen müssen, liegt ja wohl auf der Hand! Auf Dauer ist ihr allerdings mit unseren Almosen auch nicht geholfen. Deshalb wollen wir ihr die Möglichkeit verschaffen, sich selber helfen zu können. So darf sie unentgeltlich an einem Nähkurs für Zulufrauen, der bereits in dem schon fertiggestellten Teil unseres Pfarrzentrums läuft, teilnehmen, um sich dann später eventuell durch das Nähen den Unterhalt für sich und ihre Kinder verdienen zu können. Zodwa kann sicherlich die Armut von Betlehem und das Abgeschobenwerden in einen Stall gut verstehen, weil sie es an ihrem eigenen Leib erfahren mußte. Leider Gottes ist aber das Schicksal Zodwas kein alleinstehender Fall, sondern dies wiederholt sich mit einigen Abänderungen vielmals hier im Zululand.

Ein weiterer tragischer Fall trug sich in den vergangenen Wochen bei unserer Außenstation Siphiva zu: Eine katholische Frau, die sich in der Kirche sehr engagierte, wurde vom Blitz erschlagen. Wenn einer vom Blitz getroffen wird, müssen nach strengem Zulugesetz die Umstehenden oder Nachbarn dem Betroffenen sofort die Zunge herausziehen (dies könnte man ja noch als Versuch, die Atemwege freizuhalten, deuten), aber dann muß man ihm schleunigstens einen Einlauf machen. Einläufe sind bei den Zulu ein weitverbreitetes Allerwelts-Heilmittel gegen alle möglichen und unmöglichen Beschwerden. Tragischerweise haben aber die Leute von Siphiva jene zweifelhaften "lebensrettenden Sofortmaßnahmen" in jenem Fall unterlassen. Der Häuptling bekam davon Wind und so lautete sein salomonisches Urteil, die Nachbarn der vom Blitz Erschlagenen seien der "unterlassenen Hilfeleistung" und der Nichtbeachtung des Zulugesetzes schuldig. Als Buße müssen sie alle zwei Kühe hergeben - nein, nicht an die Familie der Verstorbenen, sondern an den Häuptling, versteht sich! So kommt man zu etwas. Ob jenes Vorgehen allerdings die Not der ärmlichen Landbevölkerung beheben hilft, überlassen wir Euerer Beurteilung.

Wir Missionare besinnen uns schon längst, wie man Abhilfe schaffen und die Zulu zur Selbsthilfe anleiten könnte. So haben wir jetzt in Mahlabatini ein großes Projekt gestartet, um gegen jene Armut anzugehen: Eben jenes Entwicklungshilfe- und Pfarrzentrum.

Ein wesentlicher Grund für die Not vieler Zulu liegt eben darin, daß sie sich oft selbst nicht helfen können. Wir haben nun mit Kursen begonnen, die jene Hilfsbedürftigen befähigen sollen, sich selbst und anderen zu helfen: Gartenbau- und Nähkurse laufen bereits, aber wir wollen auch Kurse in Hauswirtschaft und Kinderpflege, Gesundheitsvorsorge, Erster Hilfe, Krankenpflege, Do-it-yourself- Handwerk usw. einführen. An der nötigen Bereitschaft und am Interesse der Zulu fehlt es nicht. Ob, wann und wie all das verwirklicht werden kann, wird die Zukunft zeigen. Jedenfalls haben wir in diesem Jahr im Vertrauen auf Gottes und guter Menschen Hilfe damit begonnen. Unseren leerstehenden ehemaligen Kuhstall haben wir in drei große Unterrichtsräume und sanitäre Anlagen umgebaut, wo eben jetzt bereits die ersten 26 Teilnehmerinnen im Nähen und - vor dem Haus - im Gartenbau unterwiesen werden. Der zweite Teil des Entwicklungshilfe- und Pfarrzentrums, wird eine Halle werden für größere Kurse und Veranstaltungen, wie auch Einkehrtage, Jugendzusammenkünfte usw. und soll auch an hohen Feiertagen als Kirchenraum genutzt werden können, da unsere Pfarrkirche längst zu klein geworden ist, und die vielen Gläubigen, die bei solchen Anlässen kommen, nicht mehr fassen kann. Im Juli haben wir mit dem Bau begonnen und, so Gott will, wird sie an Weihnachten fertig sein.

Mit diesem Projekt und vielen anderen hoffen wir, daß wir für viele Notleidende hier wieder ein Stück Weihnachten werden lassen können.

Daß auch Ihr im finsteren Tann der Nöte der uns Anvertrauten durch Euer Gebet und Euere Opfer goldene Lichtlein anzündet, damit diese Menschen auch von der Last ihres Lebens einmal ein wenig ruh'n können, ist mein schönstes Weihnachtsgeschenk.

Vergelt's Gott dafür und für alle anderen Zeichen Euerer Verbundenheit!

Ich wünsche Euch allen, daß es in Euerem Herzen Weihnachten wird, weil Christus in Euch und durch Euch ankommt und daß Euch diese Freude im ganzen Neuen Jahr 1989 Kraft und Zuversicht schenke.

Herzlichst Euer

Pater Gerhard


Diese Seite wurde zuletzt am 18-03-2016 00:06:53 geändert.


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