Pater Gerhards Rundschreiben

zum Weltmissionssonntag, dem 28. Oktober 1990

Meine lieben Freunde, Verwandten und Bekannten,

als ich mich in diesem Jahr auf den Weltmissionssonntag vorbereitet habe, den wir hier in Südafrika schon am vergangenen Sonntag gefeiert haben, gingen mir ganz andere Gedanken durch den Kopf, als man sie sonst üblicherweise erwarten würde. Ich habe diesen Tag nämlich in der Wohnsiedlung für schwarze Arbeiter des Steinkohlebergwerkes Hlobane begangen. Dort waren am Montag zuvor zehn Menschen bei Kämpfen rivalisierender Stammesgruppen grausam ermordet worden. Die Stimmung der Leute schwankt zwischen Rachegefühlen und Angst. Ich hatte das Gefühl, ein Pulverfaß zu betreten, als ich in die Siedlung hineinfuhr.

Was hat die Kirche, was habe ich als Missionar diesen Menschen zu sagen? Ich gebe zu, daß es mir bei diesem Gedanken recht ungut zumute war. Den feigen Ausweg wählen und so tun, als ob man nicht wüßte, was geschehen war? Als ich so überlegte, ertappte ich mich dabei, daß ich ja eigentlich deshalb ein mulmiges Gefühl hatte, weil ich innerlich zu richten begonnen hatte und was ich wohl auch in noch so gut verdaulicher Form gesagt hätte, im Grunde eine Besserungsbelehrung nach der Urteilsverkündung gewesen wäre. Dabei hätte ich aller Wahrscheinlichkeit nach zu schließen wohl kaum die Sünder selbst zurechtgewiesen sondern pauschalisierend die Anwesenden indirekt mit beschuldigt. Also habe ich den in Gedanken bereits erhobenen moralischen Zeigefinger schnell wieder gesenkt und die drohende Moralpredigt unter den Tisch fallen lassen. "Richtet nicht...", fiel mir ein und die ertappte Ehebrecherin der Bibel, die Jesus vor den Steinen des Volkstribunals rettet. Was hätte wohl Jesus an meiner Stelle den Schwarzen von Hlobane gepredigt? Jesus hat seinen Jüngern die Füße gewaschen, nicht den Kopf. Und er hat ihnen aufgetragen: "Geht hin und tut desgleichen!"

So habe ich als Evangelium den Abschnitt aus dem Johannesevangelium gewählt, in dem Jesus am Abend der Fußwaschung, dem Abend vor seinem Leiden und Tod, inständig zu seinem Vater betet: "Ich bitte nicht nur für diese hier (die Jünger), sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein ..."(Joh 17,21) Jesus hat seine Jünger und deren Nachfolger als Missionare in alle Welt gesandt und selbst schon damals für diejenigen gebetet, die durch das Wort seiner Missionare an ihn glauben. So bin ich als Missionar nicht allein in meiner Sorge um die mir Anvertrauten. Das wesentlichste Gebetsanliegen Jesu ist, daß die Glaubenden eins sind untereinander und mit Gott. Jesus verabschiedet sich am Tag vor seinem Tod von seinen Jüngern nicht mit einem schöngeistigen Appell nach dem Motto "Seid nett zueinander, denn wie man in den Wald hineinruft, so hallt es wieder!" Nein, Jesu Abschiedsworte sind ein betendes Bekenntnis zum Vater und eine Liebeserklärung an alle Glaubenden, auf dem Hintergrund des Missionsbefehls gesehen, sogar eine Liebeserklärung an alle Menschen der Welt. Denn völlig und unzertrennlich einssein will man eben nur mit jemand, den man liebt. Daß diese Liebeserklärung Jesu an alle Menschen ernst, ja tod-ernst gemeint war, besiegelte er tags darauf mit seinem Tod am Kreuz aus Liebe zu uns. Jesus sagt und zeigt uns in seinem liebenden Einssein mit uns Menschen, daß menschliches Einssein nur durch Liebe entstehen und bestehen kann. Weil aber "Liebe" nur ein anderer Begriff dafür ist, was und wer Gott ist, ist eben Gott der Ursprung und das Ziel allen Einsseins. Und wir Menschen werden um so mehr zum Einssein, auch untereinander, finden, je mehr wir die Liebe, d.h. Gott suchen. Und das gilt für alle Menschen, für die in Nordirland ebenso wie die in Jerusalem, im Irak und Kuwait, im (geeinten?) Deutschland und die Schwarzen von Hlobane.

So gesehen hatte der Weltmissionssonntag den Schwarzen von Hlobane gerade in ihrer jetzigen Situation durchaus etwas Wesentliches zu sagen. Und es war kein Tadel, sondern eine Ermutigung, im Eifer des Glaubens nicht nachzulassen und durch das Beispiel des in der Vergebung gelebten Glaubens ein Stück zur Versöhnung beizutragen, um damit den Boden für die wahre Einheit der verschiedenen Stämme, Völker und Rassen nicht nur Südafrikas zu bereiten. Als wir dann für die Ermordeten und deren Mörder gebetet haben, stimmte die Gemeinde kräftig in den Kehrvers ein "Yizwa imithandazo yethu, Nkosi, sikelela!" "Höre unsere Gebete, Herr, erbarme Dich unser!"

Für mich persönlich brachten die Tage um den Weltmissionssonntag auch eine entscheidende Wende. Als ich nämlich Mitte Mai von meinem Heimaturlaub aus Deutschland nach Südafrika zurückkehrte, eröffnete mir mein Ordensoberer, daß meine Versetzung als Pfarrer nach Mangete und Mandini rückgängig gemacht sei und er mich stattdessen als Verwaltungsleiter im Kloster bräuchte. Mir blieb keine andere Wahl, als mich auf dieses Amt vorzubereiten. So brachte ich das vor dem Heimaturlaub in Mahlabatini bereits geschnürte Ränzlein nicht nach Mandini sondern in die Abtei Inkamana und setzte mich dort an den Schreibtisch, und begann, mir die für meine neue Aufgabe vorerst notwendigsten Kenntnisse anzueignen. Damit ich genügend ausgelastet bin, hatte mir der Abt auch unseren Klosternachwuchs von Zeit zu Zeit anvertraut, damit ich der jungen Schar, auf dem Weg ihrer im Anfangseifer emsigen Gottsuche, den Durst nach geistlichen Labungen mit frommen Mono- und Dialogen löschte. Darüberhinaus bin ich auch gerne dem Pfarrer von Inkamana und Mondlo zur Hand gegangen und habe ihn etwas in seinen Aufgaben unterstützt; in den seelsorglichen natürlich, aber auch bei der Finanzierung eines Kirchbaues im Emvuzini, weil dort Wind und Wetter die mit Wellblech gedeckte Lehmhütte Gottes in eine Ruine verwandelt hatten.

Bei meinem Abschied von Deutschland mußte ich meine Mutter in dem Wissen zurücklassen, daß sie todkrank ist und ihr Krebsleiden nicht mehr heilbar war. In dieser Situation hatte ihr mein Erzabt in Aussicht gestellt, wenn es wirklich zum Sterben wäre, dürfte ich nochmal kommen um ihr beizustehen. Das kam dann auch viel schneller als erwartet und ich durfte die letzten dreieinhalb Wochen, bevor sie der Herr am 12. September zu sich nahm, an ihrem Sterbebett ganz bei ihr sein.

Nach meiner Rückkehr hierher habe ich meinem Abt nochmals nachdrücklich meine Einwände gegen eine überwiegend auf die Verwaltung zentrierte Tätigkeit eines Seelsorgers vorgetragen und ihn inständig gebeten, mich wieder ganz im missionarisch-seelsorglichen Dienst einzusetzen, da ich davon überzeugt bin, daß eben dies meine Berufung ist. Nach einigem weiteren hin und her und Verhandlungen mit den Beratungsgremien der Abtei und dem hiesigen Bischof, hat man meinem und des Bischofs Drängen nachgegeben. Und so konnte mir unser Bischof nun endgültig die beiden immer noch dringend neuzubesetzenden Pfarreien Mangete und Mandini übertragen, für die ich ursprünglich vorgesehen war.

Meine beiden Vorgänger, die deutschen Franziskanerpatres Gottschalk und Canisius sind 85 bzw. 82 Jahre alt und haben sich jahrzehntelang mit vorbildlichem Eifer um die ihnen anvertraute Herde gekümmert. Das setzt die Meßlatte, an der man den Nachfolger messen wird, sehr hoch. Für mich ist dies eine Herausforderung und es wird mir ein Ansporn sein, auf daß ich mit voller Kraft voraus in die Fußstapfen dieser beiden großen Missionare treten kann. Dabei gilt es fest zu beten und eine Menge zu tun und dazu bitte ich gerade auch jetzt um Euere weitere Mithilfe. In meinem Weihnachtsbrief werde ich dann gerne die beiden Pfarreien etwas näher darstellen, wenn ich sie erst einmal selber näher kennengelernt habe und weiß, was die Schwerpunkte meines Bemühens sein müssen.

Ich schreibe diese Zeilen in der Nacht vor meinem Umzug, im Wissen, daß ich eine immense Briefschuld persönlich abzutragen hätte, was ich bislang nicht fertiggebracht habe, aber auch in absehbarer Zeit beim besten Willen nicht schaffen kann. Ich muß an dieser Stelle auch um Verzeihung bitten, daß ich mich in den vergangenen Monaten nicht einmal für Spenden persönlich bedankt habe. Wenn die Missionsprokura in St. Ottilien allerdings den Eingang einer Spende für mich bestätigt hat, dann bekomme ich sie auf jeden Fall. Durch mein Nachhängen in der Beantwortung meiner Post, ist meine Adreßkartei natürlich auch nicht auf dem neuesten Stand. So bitte ich auch um Verzeihung, wenn bereits mitgeteilte Adreßänderungen noch nicht berücksichtigt sind.

Und wenn mir nun hoffentlich alle verziehen haben, dann kann ich mich mit ruhigem Herzen voll in meine neue Aufgabe stürzen, im Vertrauen, daß mir der Herr beisteht und aus meinen bescheidenen Versuchen was Ordentliches entstehen läßt. So wünsche ich nun auch Euch allen von Herzen Gottes Schutz und Hilfe und freue mich, wenn wir wieder voneinander hören bzw. lesen.

Mit herzlichen Grüßen

Euer
Pater Gerhard


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