Pater Gerhards Rundbrief

Mandini, den 10. Dezember 1992

Meine lieben Verwandten, Bekannten und Freunde,

Victor, ein alter Mann aus meiner Pfarrei Mangete, der schon jahrelang keine Kirche mehr von innen gesehen hat, sagte zu mir vor zwei Jahren: "Ach, geh'n s' doch zu, Pater, Weihnachten ist doch nur ein Fest für Kinder, da haben wir doch nichts davon!" Recht hat er schon, denn wieviele einsame Menschen, wie er, erleben doch Weihnachten als einen Tag wie jeden anderen, voll Müh' und Plag', Schmerz und Leid. Und dann das süßliche Getue der anderen, das an seiner Situation schon gar nichts ändert. Das Schlimme ist, daß für viele Weihnachten wirklich nur ein süßliches Getue ist, und das hilft nicht einmal denen, die es inszenieren.

Dabei ist das wirkliche Weihnachten, die Geburt Christi, alles andere als ein süßliches Getue: Maria und Josef, fern von zu Hause, verstoßen von der eigenen Verwandtschaft, mittellos und hilflos, unterwegs, weil die Steuern schon wieder erhöht werden sollen, übernachten in einem Stall. Dort gebiert Maria ihr Kind. Die Weihnachtsbotschaft des Engels an die Hirten, die in jener Gegend lagerten, läßt uns verstehen, worum es an Weihnachten wirklich geht: "Fürchtet Euch nicht ... heute ist euch ... der Retter geboren ... Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade!" Die Hirten haben den Retter und Friedensbringer aber auch nur deshalb gefunden, weil sie sich aufmachten, um ihn zu suchen. Viele Menschen heute hören die Weihnachtsbotschaft schon gar nicht, und noch weniger machen sie sich wirklich auf, um Christus zu suchen. Und dann wundern sie sich, daß Weihnachten für sie nur ein süßliches Getue ist. Helfen wir doch den Menschen, die wahre Weihnachtsbotschaft zu hören und ihr zu folgen. Und diese missionarische Aufgabe haben nicht nur wir in Afrika, sondern alle Menschen guten Willens überall auf der Welt. Wenn die Menschen den Retter finden, wird es wirklich Weihnachten und das ist kein süßliches Getue, sondern ein Not-wendendes Erlebnis. So möchte ich uns allen zur Weihnacht wünschen, daß wir alle genügend Mut finden, uns aufzumachen, und Christus zu suchen. Wir werden ihn finden, wenn wir ihn dort suchen, wo er geboren ist, bei den Heimat-, Mittel- und Hilf-losen, bei den Verstoßenen und Geknechteten. In den Palästen der Könige haben ihn schon die Weisen aus dem Morgenland nicht gefunden.

Und dann wünsche ich uns das unbeschreibliche Glück, ihn zu finden und wahren Frieden und wirkliche Freude in der Gemeinschaft mit ihm zu erfahren, die alle Müh' und Plag', Schmerz und Leid erträglich macht und somit auch für den alten Victor aus Mangete die Erfahrung des Retters bedeutet. Mein schönstes Weihnachtsgeschenk ist, daß mich Victor letzte Woche gefragt hat, ob er nicht kommen könnte, wenn ich in seinem Nachbarhaus wieder Messe feiere. Ich weiß, daß für ihn und mich dieses Weihnachten ein großes Fest wird, wovon er das Höchste haben wird, was Weihnachten bieten kann: Christus, seinen Retter.

Als Missionaren geht es uns oft wie dem Weihnachtsengel: Die Frohbotschaft verkünden wir in den höchsten Himmelstönen, aber nicht alle machen sich auf. Aber Christus erfahren können nur, die sich im Glauben aufmachen, und für jenen Glauben können wir eben nur den Boden bereiten. Schwer genug ist er auch in meiner Pfarrei zu pflügen:

Die Leute in der Township Sundumbili trauen sich nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr auf die Straße. Die rivalisierenden Parteien terrorisieren gegenseitig die Mitglieder der anderen Partei, Schießereien, Brandanschläge und kaltblütige Morde sind zur Gewohnheit geworden. In den Elendsvierteln derselben Township leben Menschen in Hütten aus Abfallmaterial, ohne Strom, ohne Wasser, ohne Kanalisation inmitten von Müll. Eltern können ihre mangel- und unterernährten Kinder nicht füttern, weil sie selbst nichts haben.

Im Industriegebiet iSithebe schließen zu Ende dieses Jahres 17 Fabriken ihre Tore. Kein Absatz für deren Produkte. D.h. Massenarbeitslosigkeit und Elend.

In Nembe hatten sich die Stammesrivalitäten verschiedener Familienclans so zugespitzt, daß sich der Katechist, der immer dorthin kam, nicht mehr in die Gegend wagt. Nach einem Gottesdienst dort - die Nacht zuvor waren fünf Leute in der Nachbarschaft ermordet worden - mußte ich einen Wagen voller Flüchtlinge, mit all ihren spärlichen Habseligkeiten bepackt, evakuieren.

In Mangete hat die große Dürre und die Buschfeuer dieses vergangenen Jahres einen Großteil der Ernte vernichtet.

Bei all dem Elend, dessen Schilderung ich noch lang fortsetzen könnte, kann und darf die Kirche aber nicht nur fromme Sprüche klopfen. Die erlösende Botschaft vom Retter der Welt darf nicht nur in Worten von der Kanzel, sondern muß auch in der helfenden Tat konkret verkündigt werden. Jahrelang habe ich viele einzelne Hungernde mit Lebensmitteln versorgt, armen Kindern die Schul- und Studiengebühren bezahlt, eingefallene Lehmhütten durch Häuser ersetzt, Menschen, die nur Lumpen hatten, mit Altkleidern ausstaffiert, doch immer blieb mir schmerzlich bewußt, daß trotz aller großartigen Hilfe im Einzelfall die gesamte Hilfe doch nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein war. Damit die Hilfe der Kirche hier aber noch wirksamer und fundierter Not lindern kann, habe ich mit einigen großartigen Idealisten aus meiner Pfarrei so etwas wie einen Caritasverband oder Malteser-Verein gegründet.

Unsere Organisation heißt "Brotherhood of Blessed Gérard" (Bruderschaft des Seligen Gerhard). Unser Schutzpatron ist auch mein Namenspatron, der Selige Gerhard Tonque, der vor knapp 900 Jahren den Malteser-Orden gegründet hat, der der älteste Hospital - Orden der Kirche ist.

Welche dieser Pläne verwirklicht werden können und wann, wird wesentlich davon abhängen, wieviel Unterstützung wir für unsere Projekte finden werden. Aber ich bin sehr guten Mutes, eben weil all jene caritativen Aufgaben von einer Gruppe wirklicher Idealisten getragen wird, die ständig wächst und überall gute Aufnahme findet. Das zeigt mir ganz deutlich, daß die Menschen hier nicht nur Almosenempfänger sind, sondern bereit und in der Lage, ihren Teil dazu beizutragen, daß das Elend ihrer Mitmenschen wirklich gelindert wird. Daß die Kirche hier lebt und sich entwickelt, zeigt sich aber nicht nur im caritativen Sektor, auch in der Teilnahme an Gottesdiensten, d.h. unsere Kirchen füllen sich zusehends mit neuen und wiederkehrenden Gläubigen und die Laien werden zusehends bereiter, mitzuarbeiten.

In zwei meiner zwölf Gemeinden haben Laien den Religionsunterricht völlig übernommen. Weil ich nicht in jeder meiner Gemeinden jeden Sonntag Hl. Messe feiern kann, gibt es schon einige Gemeinden, die trotzdem jeden Sonntag zusammenkommen und miteinander Wortgottesdienst feiern. Viel Anklang finden in zwei meiner Gemeinden inzwischen sogenannte Haus-Messen, d.h. die Gemeinde trifft sich jeweils im Haus eines Gemeindemitgliedes und wir feiern dort Hl. Messe, jede Woche bei einer anderen Familie. In einer anderen Gemeinde feiern wir jeweils bei einem der Kranken, der regelmäßig die Hl. Krankenkommunion empfängt, Hausmesse und die katholischen Nachbarn kommen dort zusammen und vermitteln den Kranken damit das Gefühl, nicht allein und ausgeschlossen zu sein.

Ja, es gibt so viel Schönes und Erfreuliches zu berichten, nicht nur das anfangs geschilderte Elend. Höchst erfreulich ist natürlich auch die Hilfe, die wir von Euch durch Gebet und Opfer erfahren dürfen, denn wie soll sich eine Kirche, die zumeist aus Armen besteht, selbst finanzieren können, besonders dann, wenn es um größere Hilfsprojekte für die Armen geht? Ich bin Euch so dankbar und ich bitte auch ehrlich um Verzeihung, daß ich einfach nicht zum Schreiben komme, so gern ich das eigentlich täte. Nicht einmal für Briefe und eingegangene Spenden habe ich mich das ganze vergangene Jahr über bedankt. Ich tröste mich über dieses Versagen damit hinweg, daß mich die mir Anvertrauten dringender brauchen und daß Ihr dafür schon Verständnis haben werdet. Wenigstens zu Weihnachten wollte ich jedem von Euch persönlich schreiben, aber heute ist schon der 10. Dezember und ich bin froh, wenn ich wenigstens dieses Rundschreiben noch rechtzeitig zur Post bringe. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, nur momentan geht's beim besten Willen nicht. 1993 wäre eigentlich mein nächster Heimaturlaub fällig, aber ich weiß derzeit einfach noch nicht, wie ich mich von meinen Schützligen loseisen kann, zumal ich meine zwölf Gemeinden ganz alleine betreue. Sollte sich doch eine Möglichkeit ergeben, werde ich mich jedenfalls vorher noch per Rundschreiben anmelden.

Ich wünsche Euch jedenfalls von Herzen Gottes reichsten Segen zur Weihnacht und im gesamten Neuen Jahr 1993 und ich freue mich außerordentlich, wenn ich trotz meines Schweigens immer wieder von Euch höre.

Mit ganz lieben und herzlichen Grüßen

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Euer Pater Gerhard

P.S.: Wer näheres Interesse an unserer Malteser-Bruderschaft hat, oder gar ein Fördermitglied der Bruderschaft werden möchte, dem schicke ich auf Anfrage gerne weitere Unterlagen zu.


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