Pater Gerhards Rundbrief

Pater Gerhard T. Lagleder OSB
Benedictine Mission
P O Box 440
Mandeni 4490
Republic of South Africa

Neujahr 1997

Meine lieben Freunde, Bekannten und Verwandten,

mir geht es heuer ein wenig wie dem Heiligen Josef an Weihnachten. Erst war er lang auf einem beschwerlichen Weg unterwegs nach Betlehem und dann hat er es wegen all der unerwarteten Schwierigkeiten doch nicht mehr geschafft mit ordentlichen Weihnachtsvorbereitungen. Das göttliche Kind war zur Welt gekommen, bevor er eine nette Unterkunft hätte finden können, wo alle Beteiligten in Ruhe und Besinnlichkeit sich dem heiligen Geschehen gebührend hätten widmen können. Gottlob haben es dem Heiligen Josef die Engel abgenommen, die Weihnachtsbotschaft in die ganze Welt zu verbreiten und nun sitze auch ich an der Krippe. Das Christkind ist putzmunter und sein bezwingendes Lächeln läßt auch mir die Falten von der Stirn verschwinden ob meiners Unvermögens, nur die Engel haben Wichtigeres zu tun, als meinen Weihnachtsbrief zu verbreiten. So muß ich mich mit den weltlichen Mächten arrangieren und ich werde einfach den Schwarzen von den Heiligen Drei Königen bitten, meine Botschaft aus dem brütendheißen Afrika in die deutschsprachige "Welt" zu überbringen.

Wenn sich das Christkind hier in meinen Pfarrgemeinden in Südafrika heute umschaut, wird es ihm auch nicht anders ergehen als vor 2000 Jahren in Betlehem. Lauter arme Leute weit und breit, denen es an so vielen Dingen fehlt: Kein Wohlstand, kein Geld, keine Arbeit, aber noch viel schlimmer: kein Frieden, keine Geborgenheit, keine Sicherheit, keine Liebe. Mandeni und Umgebung ist wirklich ein Scherbenhaufen gescheiterter und hoffnungsloser Existenzen geworden. Im vergangenen Jahr hatte Mandeni den weltbekannten südafrikanischen Krisenzentren Soweto, Khayelitsha oder Umlazi den Rang abgelaufen und traurige Berühmtheit erlangt als die Gegend in Südafrika mit der höchsten Todesrate wegen politischer Unruhen. Viele Menschen sind geflohen. Teile unserer Township Sundumbili sind zu gespenstisch anmutenden Geisterstädten geworden: Die Häuser verlassen mit zerschossenen Fensterscheiben, geplündert und gebrandschatzt. Gestern am Weihnachtstag kam erst wieder eine Frau heulend zu mir: "Pater, wohin sollen wir gehen? Erst haben sie uns ausgeraubt und das Haus verwüstet und jetzt wollen sie uns aus dem Haus jagen. Wir haben nichts mehr und wissen nicht wohin!" Wer jung genug ist, eine gute Ausbildung und das nötige Kleingeld hat, verläßt das Land. "Braindrain" (Gehirnentwässerung) ist zu einem vielzitierten Schlagwort geworden, weil viele mit guter Bildung das sinkende Schiff verlassen und auswandern. Mandeni ist bekannt als Zentrum des Teufelskultes (Satanismus). Vor wenigen Wochen wurden in der Methodistischen Kirche in Mandeni Fensterscheiben eingeworfen, Türen beschädigt und die Außenmauern mit satanistischen Schmierereien besudelt, der Baptistische Pfarrer bekam Morddrohungen und wir kamen mit gotteslästerlichen Graffitis an unserem Kirchturm davon. Die Rate an Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und Kindsmißhandlungen ist extrem hoch. Einbruchdiebstahl, bewaffnete Überfälle und Vergewaltigungen sind keine Seltenheit. Auch mein Auto - obwohl es nach 10 Jahren Missionseinsatz und einer Viertelmillion Kilometern auf dem Buckel schon ziemlich schrottreif ist - wurde dieses Jahr gestohlen, nur kamen die Diebe nur bis zum gegenüberliegenden Straßengraben, weil sie die Wegfahrsperre nicht überlisten konnten. Vor vier Wochen hatten wir einen Hagelsturm. Der Sturm deckte viele Dächer ab und der Hagel zertrümmerte viele Fenster und Eternitdächer. Auch wir blieben nicht verschont und mußten das Dach unserer Maria-Stern-des-Meeres-Kirche in Whebede teilweise neu eindecken. In Mambane hat es uns schlimmer erwischt. Dort muß ein Großteil des Daches unserer Emanuelskirche erneuert werden und einstweilen müssen wir uns mit Regenschirmen und Putzlumpen behelfen (es ist ja Regenzeit), bis wir wieder ein ordentliches Dach über dem Kopf haben.. Ich könnte meine Jammerlitanei schier unendlich fortsetzen, wäre da nicht ein Stück Weihnachten, Licht in der Finsternis, Hoffnung im Dunkel, über das zu berichten ist und das diesen Brief zur Weihnachtsbotschaft macht.

Das Schönste sind die vielen Kinder- und Erwachsenentaufen, die Erstbeichten und Erstkommunionfeiern, die Hochzeiten und im Januar stehen uns zwei große Firmungen ins Haus. Wir hatten schon länger keine Firmung mehr in der Pfarrei, weil ich darauf bestanden hatte, daß die Firmlinge ordentlich vorbereitet werden und alt genug sind. Diesmal werden es auch viele Erwachsene sein, weil wir ja auch viele Erwachsene getauft haben.

Ein weiterer Grund zur Freude sind meine großartigen Mitarbeiter: Die beiden Katecheten Conrad Khumalo und Victor Nzuza und meine Pfarrhaushälterin Dorothy Dlamini als hauptamtliches Corps und die vielen Ehrenamtlichen Helfer/innen, die Kommunionhelfer, die Pfarrgemeinderäte, die Kirchenchöre und die vielen guten Hände, die ohne Rang und Namen stetig und treu unsere Pfarrei mittragen. Da möchte ich auch Euch allen danken, die Ihr mit Eueren Missionsspenden helft, die Ausgaben unserer Pfarreien zu decken und darüber hinaus so manchem Hilflosen zu zeigen, daß ihn der Herrgott nicht vergessen hat. Ein ganz herzlich-tiefes Vergelt's Gott dafür!

Wenn wir schon von den Hilflosen sprechen darf ich auch die sozial-caritative Arbeit in unseren Pfarreien nicht unerwähnt lassen. Ich habe Euch ja schon mehrfach erzählt, daß wir die Caritasarbeit in unseren Pfarreien - und inzwischen hat sich das weit über unsere Pfarrgrenzen hinaus ausgeweitet - ordentlich organisiert haben, damit nicht alles am Pfarrer hängenbleibt und die Leute lernen, füreinander Verantwortung zu übernehmen und sich selber zu helfen. Dazu haben wir vor vier Jahren eine Hilfsorganisation gegründet - die Südafrikanischen Malteser, die zu Ehren des Gründers des Malteserordens, des Seligen Gerhard Tonque, die "Brotherhood of Blessed Gérard" (Bruderschaft des Seligen Gerhard) genannt wurde. Ich habe mich daran gewöhnt, gehänselt zu werden, weil ich als alter Malteser den Seligen Gerhard als meinen Ordensnamenspatron erbeten hatte. Ich halte es da sehr frei nach Johannes dem Täufer: Vor mir war einer, dem ich nicht wert bin, die Schuhriemen zu lösen, und das war der Selige Gerhard nach dem unsere Bruderschaft benannt ist. Wichtiger aber ist, was wir tun: Das mit Abstand herausragendste Ereignis in diesem Jahr war der Bau und die Einweihung des

Blessed Gérard's Care Centres, eines Pflege- und Sozialzentrums mit 20 Hospiz- und Pflegebetten, 20 Tagespflegeplätzen, Mobilen Hauskrankenpflegeteams und der Breitenausbildung in Häuslicher Krankenpflege.

Die Eröffnung am 3. September durch unseren Bischof Mansuet Biyase war eine unermeßliche Freude, zumal uns das Ordens- und Staatsoberhaupt des Malteserordens, Großmeister Frà Andrew Bertie zu dieser Gelegenheit

eine Reliquie des Seligen Gerhard schenkte, die sein Stellvertreter,

der Großkomtur Frà Ludwig Hoffmann von Rumerstein persönlich aus Rom zu uns brachte. Unser besonderer Dank gilt Daniel E. Meehan und den Amerikanischen Maltesern, Baron Heereman, Dr. Graf Rechberg und den Deutschen Maltesern, der Aktion Dreikönigssingen, den Diözesen Augsburg, Regensburg, Eichstätt und Limburg, dem Descartes-Gymnasium Neuburg und der unermüdlichen Familie Sporer, der Pfarrei Rudelzhausen, der Abtei St. Otmarsberg in Uznach, meiner Familie in Neuburg, Regensburg und Weiden und den vielen vielen weiteren Spendern, die wir aus Datenschutzgründen und Platzmangel nicht alle aufzählen können. Das Blessed Gérard's Care Centre ist aber nur Teil eines umfassenden Programms von caritativen Projekten unserer Bruderschaft: Unser Kindergarten, unsere Nähschule, unser Hungerhilfeprojekt, unser Altenclub, unser AIDS-Vorbeugungs-Programm, unser Stipendien-Fonds und unser Nothilfe-Fonds laufen wie gewohnt weiter und werden immer mehr in Anspruch genommen. Die gesamte Sozialarbeit wird von ehrenamtlichen Kräften geleistet mit Ausnahme von nur vier hauptamtlichen Kräften, unserer Vizepräsidentin Clare Kalkwarf, die wir als Geschäftsführerin gewinnen konnten, unserer Sekretärin Caroline Beaumont, unserer Erzieherin (Kindergarten) Veronica Mthethwa und unserer Nählehrerin Thulile Nzuza.

Gern würde ich noch mehr und ausführlicher berichten, aber das würde den Rahmen dieses Briefes sprengen. Falls Sie Anschluß ans Internet haben, können Sie sich immer aktuell über unsere Arbeit informieren. Besuchen Sie einfach erst meine persönliche Homepage ( http://smom.org.za/gtl/gtl.htm ). Dort finden Sie Links zu den Homepages meiner Abtei, Pfarreien und der Südafrikanischen Malteser. Meine E-Mail-Adresse ist übrigens:

Unsere Bruderschaft gibt auch regelmäßig einen Rundbrief heraus, der allerdings nur den Mitgliedern zugeschickt wird. Ich möchte Sie alle bitten, unserer Bruderschaft als spirituelles Fördermitglied beizutreten. Das kostet keinerlei Beitrag, setzt aber voraus, daß Sie unsere Arbeit und die uns Anvertrauten regelmäßig in Ihr Gebet einschließen. Das wäre Ihnen sicher möglich und uns eine große Hilfe.

Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre Treue in Gebet, Opfer, guten Worten und Grüßen

und bleibe mit einem nochmaligen herzlichen Vergelt's Gott

Ihr dankbarer


Pater Gerhard


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