2. Advent - Sonntag

Lesejahr B / Jes 40,1-5,9-11 & Mk 1,1-8

Eine Predigt von Clemens Lagleder
gehalten in
Dingolfing, St. Josef, am 6. Dezember 1981

Liebe Mitchristen,

gerne erinnere ich mich an meine Kinderzeit zurück, wo wir im Advent am Morgen in der Schule kein Licht machten, sondern die Kerzen am Adventkranz anzündeten und das Gedicht sprachen: "Advent, Advent ein Lichtlein brennt. Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier, dann steht das Christkind vor der Tür." Dann sangen wir: "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit."

Wenn heute zwei Kerzen auf den Adventkränzen brennen, weisen uns die beiden, die noch nicht brennen, darauf hin, daß wir schon nach zwei weiteren Sonntagen das Hochfest der Geburt des Herrn feiern werden. Dann steht das Christkind vor der Tür und möchte durch die weit geöffneten Türen und Tore unseres Herzens zu uns kommen, die wir seine Ankunft als wahrer Gott und wahrer Mensch bei uns Menschen feiern.

In derselben Situation steht Johannes, von dem im heutigen Evangelium die Rede ist. Er weiß vom Kommen Jesu  und in ihm geht in Erfüllung, was Jesaia in der heutigen Lesung prophezeit: "Eine Stimme ruft: Durch die Wüste bahnt einen Weg für den Herrn! Baut in der Steppe eine Straße für unseren Gott!"

Johannes ruft die Menschen auf, dem kommenden Herrn den Weg zu bereiten. Er tut es in zweifacher Weise: In Worten fordert er auf: "Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe! Laßt euch taufen! Bekehrt euch, damit eure Sünden vergeben werden. Der Herr kann also nur zu uns kommen, wenn wir umkehren. Und umkehren heißt immer, sich auf Gott hinwenden. Seine Zuwendung können wir nur dann annehmen, wenn wir uns nicht von ihm abwenden. Unser Leben bleibt ein Kreisen um uns selbst, wenn Gott in unserem Leben keine Rolle spielt. Entscheidend für den Advent, die Ankunft des Herrn, ist, daß wir ihn, der in unsere Mitte gekommen ist, auch in die Mitte unseres Lebens setzen lassen. Um ihn muß sich unser Leben drehen. Nur so kann der Herr zu uns kommen und in uns eingehen. Sonst ist das Christkind, das zu uns kommen will, nur eine schmückende Verzierung, die uns als niedliches Baby aus den Schaufenstern der Geschäfte entgegenlächelt, ein Werbeträger für alle möglichen und unmöglichen Geschenke, das jederzeit durch einen Weihnachtsmann ersetzt werden kann und vor der Tür unseres Herzens stehengelassen wird und mit den Kerzen, den Sternen und dem Lametta am Tag nach Weihnachten wieder abdekoriert wird, damit Konfetti, Luftschlangen und Lampions Platz haben, um von neuem zur Umkehr unseres Geldbeutels, nicht etwa unseres Herzens anzuregen. Johannes ruft aber nicht nur in Worten zur Umkehr unseres Herzens auf, sondern zeigt am eigenen Leben, daß der Herr allein sein Leben ausfüllt. Deshalb ist mir dieser Johannes so symathisch und deshalb ist erst glaubwürdig, was er in Worten fordert. Er bekleidet und ernährt sich ganz einfach und zwar mit dem, was ihm die wüste Gegend in seinem Lebensraum bietet, und er zieht sich in die Wüste zurück. Mehr braucht er nicht. Gott genügt ihm, dem er so begegnet. Sein Leben dreht sich nur um ihn. Christus ist die Mitte seines Lebens. So kann er zum Wegbereiter und Vorläufer des Herrn werden, dem er in der Predigt und sogar im Blutzeugnis vorangehen darf. Er versteht sich als der Zeigefinger, der auf den Herrn hinweist, welcher kommen wird und uns mit Heiligem Geist taufen wird. Die Taufe des Johannes ist Zeichen der Umkehr, Zeichen der Hinwendung zum Herrn, Zeichen der Bereitschaft für die Ankunft des Herrn.

Die christliche Taufe aus dem Wasser und dem Heiligen Geist ist das wirksame Zeichen der Vergebung der Sünden und des Empfanges des neuen Lebens in Christus als Glied seines wunderbaren Leibes, der Kirche, in der er im Heiligen Geist gegenwärtig ist. Dieser Geist leitet uns und gibt uns Kraft und Hoffnung. Als Glieder seines Leibes dürfen wir mit Christus leben, aber auch leiden, sterben und auferstehen und gelangen so zum Heil in ewiger Freude, wenn er wiederkommt.

Unser ganzes Leben ist so Adventszeit: Das Warten auf die Ankunft des Herrn am Jüngsten Tag. Um für seine Ankunft bereit zu sein, gilt es, die Einladung Jesaias anzunehmen, die Johannes uns Menschen zurief und die heute die Kirche wiederholt: "Bereitet dem Herrn den Weg!" In der Umkehr und Hinwendung zum Herrn liegt der Schlüssel, der die Tore unseres Herzens weit macht, daß der Herr uns kommen und in uns heilswirksam werden kann. Bringt Früchte, die eure Umkehr beweisen! Als mögliche Formen der Umkehr empfiehlt uns die Kirche das Gebet, die Lesung der Heiligen Schrift, das gläubige Hören auf das Wort Gottes, die Mitfeier der Eucharistie, Werke der Nächstenliebe, Formen des Verzichtes, die Aussöhnung mit anderen und die Aussöhnung mit Gott im Sakrament der Buße an. So können wir den Advent zu einer Zeit der inneren Bereitung auf die Ankunft des Herrn werden lassen. Öffnen wir unser Herz für das Kommen des Herrn am Ende der Zeiten und jetzt in seiner Kirche. Auch hier und jetzt in der Heiligen Messe, dem Unterpfand seiner künftigen Herrlichkeit, kommt Gott zu uns.

So wollen wir die Türen und Tore unseres Herzens jetzt weit öffnen für die Ankunft des Herrn wie ich damals in der Schule und die Kirche immer wieder im Advent singt: Macht hoch die Tür, die Tor macht weit! Es kommt der Herr der Herrlichkeit!

Amen.


This page was last updated on

Mittwoch, 31 Dezember 2014 19:32:10

Datum der letzten Änderung dieser Seite