Hochfest der
ERSCHEINUNG DES HERRN

mit Aussendung von P. Gerhard

St. Ottilien / Klosterkirche / 6. Januar 1987 / 9.15 Uhr

Die komplette Aussendungsfeier im Originalton
und alle mir verfügbaren Bilder finden Sie
hier!

 Die Predigt hielt Pater Martin Trieb OSB:

Hochwürdigster Vater Erzabt, lieber P. Gerhard, liebe Mitchristen,

"Die heiligen drei König' mit ihrigem Stern, die kommen gegangen, ihr Frauen und Herrn," - so singen heute die Sternsinger.

Eigentlich sollen es ja vier Könige gewesen sein, wenn man der Legende Glauben schenken darf: Es begann mit einem Traum. Der vierte König Coredan soll er geheißen haben, sah einen Stern heller und näher als jeder andere Stern. Eine Stimme sagte: "Nur wer alles Elend dieser Welt gesehen hat, wird König sein." Der Hofastrologe deutete dem König den Traum: Ein großer Herrscher sei geboren, dieser bedürfe seiner Dienste, und dass großer Segen und große Freude über das Land kämen, wenn er sich aufmache und zu seiner Geburt ziehe und ihm huldige.

Der König Coredan ließ sein Pferd zurüsten, beladen mit Kostbarkeiten und ritt los.

Bei einer Rast auf einer Kurierstation traf er auf die drei Könige aus dem Parther-Reich, ebenfalls dem Stern zu dem Geburtsort des neugeborenen Königs folgend.

Die vier Könige kamen überein, die Reise gemeinsam fortzusetzen.

Ein Zwischenfall trennte den vierten König von seinen Gefährten: In einem Dorf zogen ihn Kinderhände vom Pferd in das Dunkel einer Hütte. Der Vater hatte sich gerade entschlossen, die älteren drei Kinder an einen Sklavenhändler au verkaufen, um die anderen Kinder vor dem Hungertod zu retten. Der Jammer der Familie beengte dem König das Herz. Nie zuvor war er menschlichem Unglück in dieser Form begegnet. Er lief zu seinem Pferd, entnahm dem Juwelenschrein einige Steine und händigte sie den armen Leuten aus. "Wenn der neugeborene Herrscher so mächtig ist, wie geweissagt wurde", dachte er, "wird es ihm wohl auf einen Stein mehr oder weniger nicht ankommen."

Die Winterreise wurde zu einer immer neuen Begegnung mit Not und Elend. Er versuchte, es mit den für den neugeborenen König bestimmten Juwelen zu lindern. Der Stern verblasste immer mehr. Die drei Könige sah er nie mehr und zuletzt gingen ihm auch die Juwelen aus. Zuallerletzt hatte der bettelarme König nur mehr sich selbst und ließ sich in einer Hafenstadt in das Tretrad einer riesigen Mühle werfen, um einen schwächlichen, ausgemergelten Mann vor der Peitsche zu retten.

Nun war Coredan selbst ein Teil dieses unübersehbaren Heeres aller Verelendeten, Gepeinigten und Geschändeten dieser Erde geworden. Unsägliche Mühsal sollte er mit seinen Mitgefangenen teilen, ein Leben der Erniedrigung und Erschöpfung.

Nach dreißig Jahren Sklavendaseins nahm man dem ehemaligen König die Ketten ab. Als alter gebrochener Mann machte er sich noch einmal auf den Weg und siehe: Der Stern erschien ihm wieder! Nun begriff er: Dieser König war nicht in einem Palast zu finden, sondern wie er selbst, in Steinbrüchen, in Gefängnissen, in Tretmühlen.

Die Zeit drängte. Er fand sich wieder in einer Menschenmasse in den Gassen Jerusalems. Und da sah er seinen König wieder, den er vom Aufgang seines Sternes gesucht hatte, mit einer Dornenkrone unter der Wucht eines riesigen Holzkreuzes. Jetzt erkannte er ihn, den er Jahrzehnte auf seiner Wanderschaft in zahllosen Gesichtern der Hilfesuchenden gesehen hatte. Er begriff, dass dieser Herr der Welt einen ähnlichen Weg wie er selbst gegangen sein musste. Er begriff, dass nicht Gold noch Edelsteine, sondern einzig der brüderliche Opfergang für die Notleidenden die Huldigung sein konnte die diesem König gebührt.

Da sah er, dass der König unter der Last des Kreuzes zusammenzubrechen drohte. "Hilft ihm denn keiner?" dachte er sich. Obwohl er sich nur mit äußerster Anstrengung auf den Beinen halten konnte, lief er auf ihn zu und nahm ihm das Kreuz ab. Was machte es aus, dass er sich diese Begegnung ganz anders vorgestellt hatte: in höfischer Pracht, beim Schall der Trompeten und nun war seine Huldigung, dass er - wie die Jahrzehnte davor - einem Leidenden das Kreuz abgenommen hatte. Auf dem Hügel Golgatha war der vierte König am Ziel seiner Reise!

Lieber P. Gerhard,

der Lebenslauf dieses vierten Königs kam mir in den Sinn, als ich hörte, dass Deine Missionsaussendung am Dreikönigsfest sein sollte. Als Benediktiner heißt Dein Lebensprogramm: Gott suchen! - Ihm huldigen - Ihn anbeten - wie es die Heiligen Drei Könige taten - folgend dem Ruf Gottes.

Als Missionsbenediktiner wirst Du mit der heutigen Missionsaussendung wie der vierte König ebenso Gott suchen - seinem Stern folgen. Aber dieser Stern wird Dich auch zuerst zu den Menschen führen, zu den Notleidenden, zu denen, die das Heil suchen, zu den Entrechteten, zu denen, die in die Tretmühle geworfen werden und Hoffnung schöpfen wollen, zu denen, die den Frieden suchen, nicht wie die Welt ihn geben kann, sondern nur Christus der Gekreuzigte und Auferstandene!

Mission heißt ja: Jesus verkünden, sein Evangelium bringen, Botschafter sein an Christi statt - und damit das Heil, endgültiges, unzerstörbares Heil auszurufen. Jetzt kennen wir es nur aus Visionen, aus der Geheimen Offenbarung zum Beispiel, einmal soll es aber Wirklichkeit werden!

Mission ist keine Erfindung der Kirche, erst recht nicht die Erfindung eines Missionsordens. Mission ist eine Erfindung Gottes! Wenn in der Hl. Schrift zwar immer wieder Gott als abgrundtiefes Geheimnis beschrieben wird, so steht doch immer wieder auf den Zeilen und zwischen den Zeilen das große Thema vom liebenden persönlichen Gott! Gott ist kein zurückgezogener Gott, der von den Menschen Abstand nimmt, sondern ein Gott von einer ungeheuren Dynamik zu den Menschen hin, ein Gott des Verströmens, der Hingabe, des Lebens, des Lichtes, der Liebe!

Und wenn man Jesus, seinem Sohn, dem Heil-Bringer genau zusieht - und auch den großen Christen, den Heiligen, dann wollten sie nicht nur das ewige, unzerstörbare Heil in einem himmlischen Leben ausrufen, sondern genauso das Neil der Menschen hier auf dieser unserer Erde - und dieses Heil hat Namen: Freiheit, Mitverantwortung, Gerechtigkeit, Solidarität, Gesundheit, Menschenrechte, Würde des Menschen und viele andere Namen.

Liebe Mitchristen,

P. Gerhard wird nicht in ein Niemandsland oder gar auf den Mond ausgesandt, sondern in ein ganz konkretes Land dieser Erde, in ein christliches Land mit einem unheilvollen, unchristlichen System - es ist die gesetzlich verordnete Rassentrennung. Er wird ausgesandt in die konkrete Situation der Menschen in Südafrika. Man hört oft: Kirche und Politik sollen sich auseinander halten... Für die Tagespolitik mag das stimmen. Aber da, wo es im letzten um das Heil des Menschen geht in all seinen Entfaltungen, da muss Kirche - wie Jesus selbst - Anwalt der Menschen sein, Stimme der Stimmlosen!

Für die Verkündigung des Evangeliums vom Reich Gottes, das ein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens ist, für diese Verkündigung kann es niemals gleichgültig sein, wenn Gewalt, Hass, Ungerechtigkeit herrschen, wenn Menschen verfolgt und unterdrückt werden, wenn Verhältnisse bestehen, wo Menschen zu Menschen zweiter Klasse abgestempelt werden. "Wie man die Politik unseres Landes auch auslegt", schreiben die südafrikanischen Bischöfe in ihrem neuesten Hirtenbrief, "eines sollte uns Christen klar sein: Christus wird abermals ans Kreuz geschlagen, denn alles, wofür Christus lebte und starb, steht heute in unserem Land auf dem Spiel. Der Christ unterdrückt den Christen, der Christ greift den Christen an und tötet ihn. Anstatt den Leib Christi zu festigen, wird er in Stücke gerissen."

Bei der Übergabe des Missionskreuzes (eher ein Symbol als ein Schmuckstück) spricht Vater Erzabt: "Im Namen der Kirche sende ich Dich aus. Verkünde den Armen die Botschaft vom Heil!"

Wenn unser P. Gerhard gerade am Epiphanie Fest, wo das Weihnachtsgeheimnis öffentlich wird, allen Völkern offenbar werden soll, wenn er gerade da ausgesandt wird, um den Menschen in Südafrika den schwarzen, den weißen und den farbigen, die Botschaft von Weihnachten, vom Heil, vom Retter zu bringen, dann wird das vor allem eine Botschaft des Friedens sein - dann wird das aber auch ganz besonders eine Botschaft von der Würde des Menschen sein. Denn das Weihnachtsgeheimnis nach dem Gott ein wirklicher Mensch geworden ist - das ist auch das Geheimnis von der ungeheuren Würde des Menschen!

"Christ, erkenne Deine Würde, Du bist der göttlichen Natur teilhaftig geworden - lebe nicht unter Deiner Würde!" - Wir erinnern uns an diese Worte der Weihnachtslesung von Papst Leo dem Großen.

Diese Würde des Menschen in Südafrika zu lehren - und im Umgang mit den Menschen vorzuleben - ist wirklich eine Froh-Botschaft, die zu dem Verkündigungsauftrag eines Missionars in Südafrika gehört!

Dass unserem P. Gerhard dazu der Mut und die Kraft nicht ausgehen - dafür beten wir heute um Gottes Segen - und wir wünschen es ihm gemeinsam von ganzem Herzen!

Amen.

P. Martin Trieb OSB


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