Sonntag in der Weihnachtsoktav = Fest der Heiligen Familie

Lesejahr C / Lk 2,41-52

Eine Predigt von Pater Gerhard Lagleder OSB
gehalten in St. Ottilien am 26.12.1982

Liebe Mitchristen,

Sicher kennen Sie verschiedene bildliche Darstellungen der Heiligen Familie. Die häufigste wird wohl die Szene im Stall von Bethlehem sein, wo Josef und Maria hinter der Krippe stehen, in der das Jesuskind liegt.
Vielleicht kennen Sie auch Bilder, die die Heilige Familie später in Nazareth darstellen: Maria sitzt vor dem Haus macht Handarbeiten, Josef zimmert daneben und der kleine Jesus trägt Holzstücke oder kehrt die Späne zusammen. Bilder voll friedlicher Harmonie!

Heute malt uns das Evangelium ein ganz anderes Bild der Heiligen Familie: Jesus nimmt als zwölfjähriger mit seinen Eltern und vielen Verwandten und Bekannten an einer Fußwallfahrt zum Paschafest nach Jerusalem teil. Das war immerhin eine einfache Strecke von gut 100 km. Dazu braucht man schon ein paar Tage. Als das Fest nach einer Woche zu Ende war, machten sich Maria und Josef wieder auf den Heimweg und waren wohl sicher, dass Jesus irgendwo in der langen Karawane mit einer Gruppe von Verwandten und Bekannten ging. Am Abend wurden sie dann wohl doch unruhig und suchten ihn, aber er war nirgendwo zu finden. Die Aufregung können Sie sich jetzt vorstellen: Der zwölfjährige ist weg! Hat er sich verlaufen? Ist ihm etwas zugestoßen? Sucht er jetzt wohl verzweifelt nach seinen Eltern? Oder ist er ausgerissen? Mein Gott, was dem in der Fremde oder gar in der Großstadt Jerusalem bei dem Trubel und der Massenansammlung von nicht nur guten Menschen zugestoßen sein kann! So mögen Maria und Josef gedacht haben. Da erging es ihnen damals wohl nicht anders als Eltern heute, deren Kind auf einmal spurlos verschwunden ist. Nur konnten Maria und Josef keine Polizei anrufen oder Suchmeldungen durch den Rundfunk verbreiten lassen, weil es das damals nicht gab. So gehen sie den langen Weg nach Jerusalem zurück, suchen und suchen auch in Jerusalem einen ganzen Tag lang - vergeblich; nach einem Tag - wieder umsonst. Und endlich, nach drei Tagen finden Sie ihn, aber nicht etwa irgendwo beim Spielen, oder wo es für Kinder etwas Interessantes zu sehen gab; Nein, er sitzt im Tempel, mitten unter den Schriftgelehrten und diskutiert mit ihnen über Gott und die Heilige Schrift. Das müssen Sie sich vorstellen! Der zwölfjährige sitzt, heute würden wir sagen, im Hörsaal der Universität und unterhält sich mit den Professoren über theologische Probleme, dass die Augen und Mund aufreißen über sein Wissen und seinen Verstand.
Kein Wunder, dass die Eltern außer sich sind und in erst mal zur Rede stellen. Noch weniger braucht es uns aber wundern, dass die Eltern baff sind, als er ihnen seelenruhig antwortet, sie hätten ihn doch gar nicht so lange suchen brauchen, ob sie den nicht wüssten, dass er im Haus seines Vaters sein muss. Ich weiß nicht, wie sie reagiert hätten, wenn sie Maria oder Josef gewesen wären. Denen hat es offensichtlich die Stimme verschlagen.

Jesus, das Wunderkind, das sich mit zwölf Jahren von den Eltern selbstständig macht und altklug scheinende Lehren erteilt! Und dann erzählt uns heute am Fest der Heiligen Familie der Pater von der Kanzel, die heilige Familie sei ein Vorbild für unsere Familie heute. Sauber, werden Sie vielleicht denken.

Und doch steckt diese Geschichte voller Aussagen, die auch und gerade für die heutige Zeit für das Familienleben wegweisend und vorbildlich sind:

Denn bei den Juden waren nur die Männer, und zwar ab dem 13. Lebensjahr, dreimal im Jahr zu einer Tempelwallfahrt verpflichtet. Weder Maria noch Jesus hätten also mitgehen brauchen. Die Heilige Familie tut also mehr, als die Gebote von ihr verlangen. Das zeigt uns, dass sie nicht nur ihre Pflicht ableisten, sondern als Familie zusammenhalten, ihr religiöses Leben gemeinsam gestalten und Jesus darin hineinnehmen und eingewöhnen.

Das aber dieses Eingewöhnen bei Jesus nicht das kritik- und verständnislose Übernehmen leerer Formen ist, zeigt, dass er von sich aus, als er selbstständig wird, den Kontakt zum Tempel sucht und findet.

Wie viele Eltern beklagen sich doch heute darüber, dass ihre Kinder früher oder später, wenn sie selbstständig werden, von Gott und der Kirche nichts mehr wissen wollen! Solche Eltern beruhige ich dann immer und versichere ihnen, dass es ganz normal und richtig ist, wenn der junge Mensch auf dem Weg zum Erwachsenwerden, wie Paulus sagt, „ablegt, was Kind an ihm war". So muss er auch den Kinderglauben ablegen und sich dann ganz allein, nur mit Gottes unsichtbarer Hilfe, zum eigenen, selbstständigen Glauben durchringen. Dabei wird sicher alles auf der Strecke bleiben, was leere Formen waren. Wenn der junge Mensch dann aber am Beispiel anderer, und hier zuerst am Beispiel seiner Eltern sieht, dass ihre Religiosität nicht nur eine schöne Attrappe ist, sondern auf dem Glauben beruht, der ihrem Leben Sinn und Inhalt gibt und ihr Leben beeinflusst und zu Gott hin lenkt, dann werden sie am ehesten diesen Neubeginn im eigenen selbstständigen Glauben wagen.

Natürlich dürfen wir aber Gottes Gnade, die im Heiligen Geist allein den Glauben bewirkt, nicht vorschreiben, wann und wie sie zu wirken habe, denn Gott kann auch aus ungünstigen Verhältnissen heraus Menschen zum Glauben führen. Doch wir dürfen seinem Gnadenwirken durch unser Vorbild den Boden bereiten.

Das Schlimmste, was Sie als Eltern machen könnten, wäre, den "lieben Gott" und seine Gebote für sich einzuspannen, ihn sozusagen dann zum Vollzugsgehilfen zu degradieren, wenn ihre elterliche Gewalt nicht mehr weiter weiß. Wer seinen Kindern mit der "Strafe Gottes" oder gar "Feuer der Hölle" droht, wenn sie nicht wie Automaten den Willen der Eltern erfüllen, der lästert Gott. Der „liebe Gott“ wartet weder im Himmel, noch im Beichtstuhl, um die "bösen Kinder" zu strafen, noch schickte den Nikolaus mit oder ohne Knecht Ruprecht, um den Kindern mit drohenden Worten oder Rutenschlägen wieder Mores beizubringen. Von einem solchen „lieben Gott“ will der junge Mensch dann später mit Recht nichts mehr wissen.

Zurück zur Heiligen Familie: Der junge Jesus ist auch seine eigenen Wege gegangen und hat Gottes Wort und Willen verstanden. Er zeigt uns, dass es nicht auf den blinden Gehorsam des Schwächeren dem Willen des Stärkeren gegenüber ankommt, sondern auf den Willen Gottes, dem sich alle unterordnen müssen. Und der Wille Gottes ist, dass wir in Freiheit den Anruf seiner Liebe mit unserer Liebe zu ihm und zu unseren Mitmenschen beantworten.

Im vierten alttestamentlichen Gebot zum Beispiel, das uns, wie alle Gebote, Wegweiser des Willens Gottes ist, heißt es nicht, „Du sollst Vater und Mutter fürchten“, sondern „Du sollst Vater und Mutter ehren“ und zwar aus Liebe, nicht aus Angst. Und wir geliebt werden will, muss selber lieben, sonst ist er nicht liebenswert.

Jesu Verhalten sagt uns noch ein weiteres: Dass er sich von seiner Familie ablösen musste, um den Willen Gottes zu tun. „Wusstet ihr nicht, dass sich im Haus meines Vaters sein muss?“, hatte er gesagt.

Ja, das fällt Eltern oft unendlich schwer, ihre Kinder in die Selbstständigkeit zu entlassen, zu akzeptieren, dass sie ihre eigenen Wege gehen müssen, oder sie gar darauf hin zu erziehen, dass sie bald ohne sie aus- und zurechtkommen können. Das erleben wir nicht nur, wenn sich zum Beispiel Eltern mit allen Mitteln dagegen sträuben, dass er Kind ins Kloster geht und sie so notwendig verlassen muss. Das erlebt manche junge Ehe mit der zur Redewendung gewordenen „bösen Schwiegermutter“, die es nicht lassen kann, in das Leben ihres erwachsenen Kindes hinein regieren zu wollen.

So ist es auch zum Beispiel Aufgabe des Missionars, die Menschen im Glauben so selbstständig zu machen, dass seine Hilfe überflüssig wird.
So ist es Aufgabe des Arztes, den Kranken gesund zu machen, so dass er ihn nicht mehr braucht
und ebenso ist es Aufgabe der Eltern, ihre Kinder so selbstständig zu machen, dass sie allein zurechtkommen.

Wie bei Missionar für die ihm anvertrauten Menschen und beim Arzt für die Kranken, ist es die hohe Aufgabe der Familie, unerlässliche Stütze zu sein für die Kinder, um sie zum selbstständigen Leben in Verantwortung vor Gott und den Mitmenschen zu erziehen, wie Maria und Josef es für Jesus getan haben und selber dabei schmerzliche Erfahrungen machten. Der südamerikanische Erzbischof Dom Helder Camara drückt dies so aus: „Wenn du dem Abbruch eines Baugerüstes bei wohnst, bewundere – selbstverständlich - das Gebäude, das erscheint. Denke aber auch an das Gerüst; denn es ist hart, Stütze gewesen zu sein während des Bauens, unerlässlich für das Werk, und zur festlichen Stunde weggeschafft zu werden als Schutt."

Und genau da muss die Wende durch Christi Liebe einsetzen, dass wir als selbstständig gewordene Menschen, unsere Eltern nicht als Schutt wegwerfen, sondern ihre Hilfe mit dankbarer Liebe beantworten und Sie so ehren, wie es Gottes Wille ist.

Deshalb ist uns die Heilige Familie Vorbild für unsere Familie: weil sie eine Gemeinschaft gegenseitiger Achtung und Liebe war, die sich aber unbedingt dem Willen Gottes ungeordnete und so dem Heil schaffenden Wirken Jesu den Boden bereitete.

Amen.





This page was last updated on

Mittwoch, 31 Dezember 2014 19:33:40

Datum der letzten Änderung dieser Seite