Weihnachtsgottesdienst

des Rhabanus-Maurus-Gymnasiums (Klassen 8-13)

(Lukas 1,46-56)

Eine Predigt von Pater Gerhard Lagleder OSB
gehalten in der Seminarkirche St. Ottilien am 22. Dezember 1983

Liebe Mitchristen,

ein bekanntes rhythmisches Kirchenlied beginnt mit den Worten:
 
"Warum habe ich heute diese Freude? Warum ist für mich alles heut so froh und klar? Warum?"

Sicher auch, weil heute die Weihnachtsferien beginnen.

Oder vielleicht fällt jemand jetzt das Kinder-Weihnachtslied ein:

"Morgen, Kinder, wird's was geben, morgen werden wir uns freu‘n ... Denn da kommt der Weihnachtsmann."

Jetzt haben wir's!

Wir freuen uns, weil bald ein alter Mann mit weißem Bart, der mit rotem Mantel und Zipfelmütze wie ein Riesenzwerg aussieht, kommt; und weil er den Kindern heimlich Geschenke unter den Weihnachtsbaum legt.

Wir freuen uns, weil uns dann endlich vielleicht das lang ersehnte Computerspiel, die Skiausrüstung oder die Stereoanlage beschert werden.

Vielleicht freut sich auch mancher auf die Weihnachtsgans oder die Weihnachtsplätzchen, falls es sie nicht schon über hat.

Liebe Mitchristen, wenn wir heute irgendwo in Deutschland auf der Straße Passanten befragen würden, worauf sie sich an Weihnachten freuen, befürchte ich, dass viele, ja allzu viele solche oder nur solche Antworten gäben.

Wohl aus Überdruss an diesen weit verbreiteten klischeehaften Weihnachtswünschen sagte der Sprecher des Musikjournals im bayerischen Rundfunk am 23. Dezember letzten Jahres nicht ohne Pathos:

"Ein bisschen Frieden wenn uns jemand auf den Gabentisch legen könnte, das wäre im wahrsten Sinn des Wortes eine schöne Bescherung.“

„Mensch, Mann!" habe ich mir da gedacht, „hast Du auch noch nicht kapiert, worum es an Weihnachten geht?!"

"Ein bisschen Frieden an Weihnachten wäre eine schöne Bescherung!?"

Ja, lügen wir hier denn alle, wenn wir im Gloria der Heiligen Messe die Worte der wahren Weihnachtsbotschaft wiederholen: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen seiner Gnade“?

Ist diese Weihnachtsbotschaft denn nur eine unerfüllte Wunschvorstellung?

Ja, Weihnachten ist eine Selbsttäuschung, wenn wir uns angesichts des Unfriedens in der Welt nur in eine Traumwelt von Kerzenschein, Lametta-Glanz, lieblicher Musik und schön verpackten Geschenken flüchten!

Wenn der Sinn von Weihnachten nur in diesen Äußerlichkeiten besteht dann dürfen wir das Christkind, den Weihnachtsbaum und die Christnacht sofort abschaffen und die Show dem Weihnachtsmann übergeben, der es wohl besser versteht, Stimmung zu machen nach dem Motto "Friede, Freude, Eierkuchen“ als das Kind armer Leute, das in der Fremde in einem Stall zur Welt kommt.

Denn der Glanz von Weihnachten vergeht, die Kerzen erlöschen und der Christbaum nadelt bald ab.

Die Schaufenster viele Geschäfte haben an Weihnachten bereits den Weihnachtsschmuck abdekoriert und zeigen dann schon Luftschlangen, Konfetti und Knallkörper, um uns von neuem anzuregen, nicht unser Herz, sondern unseren Geldbeutel zu öffnen.

Was bleibt, wenn alle Glanz vergeht, ist das armselige Kind in der Krippe, denn Christus hat an Weihnachten zu uns nicht nur kurz Grüß Gott gesagt, um uns dann wieder alleine zu lassen, sondern er ist Mensch geworden, um unser Leben mit uns zu gehen.

Seit der Weihnacht ist uns Gott nicht mehr fern, nicht unnahbar, nicht unbegreiflich, weil er sich zu uns auf die gleiche Stufe gestellt hat.

Jetzt können wir Gott verstehen, weil er sich uns mitgeteilt hat, indem er sein Leben mit uns teilt.

Gott sagt uns nicht nur etwas von sich oder über sich, er schreibt uns keine klugen dicken Bücher über sich, er versteckt sich nicht hinter einer theoretischen anonymen Lehre!

Nein, Gott schenkt sich uns Menschen selbst in Christus, der bald als Kind in der Krippe liegen wird.

Das ist unser schönstes Weihnachtsgeschenk, das jeder Mensch bekommt, auch der, dem sonst keiner etwa schenkt.

Gott selbst schenkt sich mir in seinem Sohn!

Aber was sollen wir denn mit diesem im Papier des göttlichen Geheimnisses schön verpackten Geschenk anfangen?

Das ist die entscheidende Frage, die uns Weihnachten stellt!

An unserer Antwort darauf entscheidet sich, ob das Weihnachtslicht mit dem Ausbrennen der Christbaumkerzen in uns verlischt, oder ob es die Finsternis unseres ganzen weiteren Lebens erhellt.

Einer Antwort, was sich hinter dem verbirgt, der sich uns da an Weihnachten schenkt, kommen wir nur dann näher, wenn wir das Geschenk nicht unbesehen und ungeöffnet mit dem Vermerk "Annahme verweigert" zurück schicken, sondern es annehmen und auszupacken beginnen.

Und wenn wir das Band unserer Vorbehalte erst einmal gelöst haben, dann enthüllt sich uns Gott wie von selbst und die Frucht seines Sich-an-uns-Schenkens uns fällt uns zu.

Und wenn wir ihn dann nicht achtlos in irgendeine Schublade unseres Lebens legen, um ihn dort höchstens mal, wenn wir ihn dringend zu brauchen glauben, hervor zu holen, sondern wenn wir bereit sind, ihn in unsere Hände zu nehmen und ihm auf dem Gabentisch unseres Lebens Platz machen, dann wird er sich uns in seiner ganzen Größe zeigen und wir werden seine Herrlichkeit schauen.

Dann ist er auch das wahre Licht, das unser Herz erleuchtet und unser Leben in göttlichem Schein erstrahlen lässt.

Und dann beginnen wir zu erfahren, dass das göttliche Leben unser Licht und unser Friede ist.

Deshalb zünden wir an Weihnachten die Kerzen am Christbaum an, deshalb singen wir frohe Lieder und deshalb beschenken wir uns gegenseitig.

Das eingangs erwähnte rhythmische Kirchenlied beantwortet die Frage
 
"Warum habe ich heute diese Freude? Warum ist für mich alles heut so froh und klar? Warum?“ mit dem Kehrvers: „Ich möchte singen vor lauter Freude, mit neuen Augen seh‘n in die Welt … denn ich erkannte durch dich, was Liebe ist.“

Weihnachten lässt uns durch Christus erkennen, was Liebe ist: Dass sich Gott selbst an uns aus Liebe verschenkt.

In dieser Liebe will uns Gott ganz an sein Herz ziehen und daraus entsteht wahrer Friede.

Denn Friede herrscht, wo wir in Gott Ruhe finden und den Liebe, also in Gott, der ja die Liebe ist, leben.

Deshalb wäre nicht nur ein bisschen Friede an Weihnachten eine schöne Bescherung, sondern in Christus ist uns der wahre Friede in Person geschenkt.

Nicht nur ein bisschen, sondern die Fülle des Friedens, nämlich Christus selbst ist dann Weihnachten zu uns gekommen, das ist wahrhaft die schönste Bescherung.

Amen.




This page was last updated on

Mittwoch, 31 Dezember 2014 19:35:18

Datum der letzten Änderung dieser Seite