Mandini/Südafrika. Sein
schönstes Weihnachtsgeschenk ist - aber das wird
Nhlanhla erst viele Jahre später erkennen -, dass er
heute noch lebt. Denn vor genau einem Jahr zu
Weihnachten hing das Leben des nur wenige Tage alten
Jungen am seidenen Faden. Seine Mutter verschwunden, die
Großmutter überfordert und keine Verwandten, die sich um
das neugeborene Baby kümmern wollten.
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Das kleine Menschenbündel, ein Frühchen, zu schwach, um die Flasche zu halten, wurde kurz vor Weihnachten im Pflege-, Hospiz- und Sozialzentrum der Bruderschaft des Seligen Gerhard in Mandini, das der oberpfälzer Benediktinermissionar Pater Gerhard leitet, abgegeben. Nhlanhla, auf Zulu heißt das "glückselig", ist ein Glückspilz. Denn viele andere Babys und Kleinkinder im Aids gebeutelten Zululand an der Ostküste Südafrikas schaffen es nicht bis zum Care Centre von Pater Gerhard.
Der gebürtige Regensburger, Pater Gerhard Lagleder, der in Weiden sein Abitur machte und heute noch enge Kontakte zur Pfarrei Herz Jesu unterhält, kam 1987 als Benediktinermissionar der Erzabtei Sankt Ottilien nach Südafrika und wurde schnell mit der Not der armen Bevölkerung konfrontiert.
"Als dann ein verzweifelter Familienvater zu unserer Kirche kam und erzählte, dass er samt Frau und Kindern aus dem Haus gejagt werden sollte, musste schnelle Hilfe her", erzählt der 49-jährige Missionar und machte die Geschichte zum Thema in seiner Predigt. Tags darauf erlebte er, was Hilfe auf Südafrikanisch bedeutet: "Das ganze Dorf sammelte Kleider und Essen und organisierte schließlich noch Arbeit für den armen Mann. So konnte die Familie im Haus bleiben". Das war der Startschuss für die Gründung der Bruderschaft des Seligen Gerhard im Jahr 1992. Die Hilfsorganisation des Malteserordens in Südafrika betreut heute zwölf verschiedene caritative Projekte.
Aids betrifft alle
In KwaZulu Natal (Zululand), einer von neun Provinzen in Südafrika, leben 90 Prozent Zulus, sechs Prozent Mischlinge und vier Prozent weiße Südafrikaner. Die Region zwischen den Traumstränden am Indischen Ozean und den atemberaubenden Anhöhen der Drakensberge im Westen gilt als die Aids-Hochburg der Welt! Experten sprechen hier nicht mehr nur von einer Aids-Epidemie, sondern von einer Pandemie. Jeder ist von der tödlichen Infektionskrankheit betroffen. Wenn nicht selbst, dann ist zumindest ein Familienangehöriger HIV positiv. Die Infektionsrate aller auf HIV getesteten Personen in der Sundumbili Klinik lag im Januar bei 76 Prozent.
Armut und mangelnde Bildung sind die Hauptursachen für Aids, bestätigt der Tropenmediziner Dr. Martin Pöllath im oberpfälzischen Sulzbach-Rosenberg, der als ehemaliger Entwicklungshelfer die Probleme des schwarzen Kontinents aus eigener Erfahrung kennt. "Der Schutz vor Aids hängt stark mit dem Zugang zu Informationen, sprich Bildung, und dem Besitz von materiellen Ressourcen zum Erwerb der Medikamente zusammen. "Aids ist eine klassische Krankheit der Armut".
Denn Bildung ist teuer ist Südafrika. Für ein Jahr an der Grund- oder Hauptschule müssen 250 Euro pro Kind bezahlt werden und 400 Euro für Mittelschule oder Gymnasium, hinzu kommen Fahrtkosten und Schulkleidung. Von einem Universitätsstudium können die Meisten nur träumen, denn pro Jahr werden 4000 Euro Studiengebühren fällig. Ohne Ausbildung findet man aber keinen Job. Arbeitslosigkeit führt zu Hunger, Hunger macht krank und verzweifelt, Krankheit schafft Armut und wer arm ist, kann sich keine Bildung leisten. "Diesen Teufelskreis der Armut zu durchbrechen, war von Anfang an unser Ziel", erklärt Pater Gerhard, der gemeinsam mit vielen Gleichgesinnten jeden Tag für ein würdigeres Dasein der Ärmsten im Lande kämpft.
"IsiShingishane" (Wirbelwind) nennen ihn die Zulu liebevoll. Mittlerweile betreut sein Team, das fast ausnahmslos aus Südafrikanern besteht, unter anderem einen Kindergarten, ein Waisenhaus, Nähschule, Stipendienfonds und ein Sterbehospiz. Ärzte- und Pflegepersonal arbeiten in drei Schichten rund um die Uhr, meist nur für Gottes Lohn und eine warme Mahlzeit am Tag. Alle Leistungen sind kostenlos, denn "einem Nackerten kann man nichts aus der Tasche ziehen", so der Benediktiner. Auch aus Deutschland sind zur Zeit zwei freiwillige Helferinnen im Einsatz. Die 23-jährige Johanna Stadler aus dem niederbayerischen Mallersdorf und die 25-jährige Susanne Stauffer aus Ebnath in der Oberpfalz. Die Krankenschwester und die Musik- und Tanzpädagogin kümmern sich rührend um die Kinder im Heim, die alle, genau wie Nhlanhla, schlimme Schicksale erfahren haben.
Viele der Kinder, die im Care Centre in Mandini ein neues Zuhause gefunden haben, sind Waisen. Die Eltern an Aids gestorben, von den Angehörigen verstoßen. Wie der kleine Bhekithemba, der zusammen mit seiner aidskranken Mutter in einer Hütte eingesperrt war und denen das Essen unter der Türe durchgeschoben wurde. Die Mutter ist mittlerweile verstorben, der vierjährige Junge im Kinderheim der Missionsstation gut aufgehoben. Andere Kinder fand man ausgesetzt im Busch, waren stark unterernährt oder misshandelt. "Wir sind wie das Sicherheitsnetz eines Trapezkünstlers", sagt Pater Gerhard. "Wir fangen die Menschen auf, die sonst verloren wären". Das gilt besonders auch für das Hospiz, das größte in Südafrika. Hier erleben derzeit 20 Patienten mit ausgebrochenem Aids ihre letzten Tage in liebevoller Fürsorge und Würde. Trotz des Elends, das er Tag für Tag erfährt, ist der Oberpfälzer Missionar glücklich. "Ich möchte mit keinem Menschen auf der Welt tauschen, obwohl ich im Zentrum der Aids-Hölle bin".
"Ukhisimusi omuhle"
An Heilig Abend feiert der kleine Nhlanhla wie alle anderen Kinder die Christmette in der Hauskapelle. Danach ist Bescherung, wie in Deutschland. Nur, dass die Geschenke im Care Centre in Mandini bedeutend größer ausfallen und in keine Schachtel passen. Denn hier werden gelebte Menschlichkeit und Liebe geschenkt. Und so feiert Nhlanhla heuer Weihnachten und Geburtstag zugleich. Ein richtiger Glückspilz eben. "Ukhisimusi omuhle" - frohe Weihnacht!
Viele kleine Leute, in vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern.



